Wir freunden uns immer mehr mit der frühen Zeit an und lassen auch heute den Wecker um 05:30 Uhr klingeln. Wir legen kurz nach 07:00 Uhr mit Kurs Visby ab. Die Crew aus Emden ist bereits eine Stunde vor uns mit demselben Ziel gestartet. Wir haben sie bis zu ihrem Einlaufen in Visby vor uns. Es geht mit dem gesetzten Groß um „Ölands Norra Udde“ (die nördliche Spitze der Insel) bis der Kurs direkt auf Visby abgesteckt wird. Je weiter wir aus dem Schutz der Insel in das offene Wasser kommen, umso stärker setzt der alte Schwell aus Süd. Wir haben achterlichen schwachen Wind (aus West). So werden nicht nur wir, sondern auch die Segel hin und her geschüttelt. Eine Belastung für Mensch und Material. Vernünftiges Segeln geht anders. Da wir kaum noch Fahrt machen und noch fast 40 sm vor uns liegen, bergen wir das Groß und legen die kommenden 8 sm unter Motor zurück. Unsere Dicke rollt unermüdlich von einer auf die andere Seite. Zum Glück haben wir bisher auf der Tour noch keine Anfälle von Seekrankheit gehabt. Doch die Motorgeräusche nerven.
Auf halber Strecke entdecken wir zwei Robben, die ihre Köpfe dauernd über Wasser halten. Bestimmt haben sie „meine“ Fische gefressen und ruhen sich so aus. Weiteren tierischen Besuch erhalten wir von einer Libelle. Nach mehreren Landeversuchen stürzt sie sich auf das Vordeck und legt eine Pause ein.
Ab 11:20 Uhr lässt der Schwell nach und der Wind nimmt immer mehr die angekündigte Südkomponente ein. Wind und Wellen harmonieren nun wieder. Endlich können die Segel gesetzt und der Motor ausgeschaltet werden (11:40 Uhr).
Der Kurs quert wieder ein Fahrwasser (Nord – Süd). Bereits bevor die Frachter in Sichtweite komme, können wir sie Dank AIS auf dem Plotter sehen. Es wird sogar der geringste Abstand inklusive Zeit angegeben (habe ich auf der Strecke Kristianopel – Mörbylånga herausgefunden). Leider können wir nicht erkennen, ob wir die Route der Pötte vor oder hinter ihnen kreuzen. So spielen wir teilweise unter Motor mit der Geschwindigkeit oder fallen ohne Motor weiter ab. Schwieriges Unterfangen; die Abstandsangaben variieren teilweise zwischen einer sm bis unter 200 ft. Der Frachter kommt näher und wir verlassen uns dann doch lieber auf unsere Schätzung und Peilung mit dem Handkompass als auf die Angaben der Elektronik – wird schon passen.
Fiona um die Mittagszeit: Habe mit der Videokamera einen Rundumschwenk eingefangen. Was für ein unglaublich blauer Himmel mit einigen Cirrocumulus-Wolken direkt über uns . Oder sind es doch die ein Stockwerk tieferen Altocumulus.
„Die Truman Show“ kommt mir in den Sinn, einer meiner Lieblingsfime. Der Augenblick, als er mit seinem kleinen Boot gegen diesen unglaublich weiten, hellblauen Himmel stößt und vor einer Wand steht…. Was für eine Szene.
Gotland ist bereits bei einer Entfernung von ca. 20 sm auszumachen. Wir sehen zuerst die hohe Steilküste südlich von Visby. Visby selber ist dann auch bald zu erkennen.
Fiona: Eine gewisse Euphorie erfasst mich; plötzlich im Dunst Land zu erkennen, ist spannend. Vorher ringsum nur Meer. Ein bisschen Entdeckerfeeling kommt auf und der Gedanke an Columbus.
Ein goldener Schimmer ist als Spiegelung auf der Wasseroberfläche auszumachen – ist das die Warnung vor dem aktiven Schießgebiet??? Kann nicht sein, da wir uns am Abend telefonisch beim Hafenmeister Visby danach erkundigt hatten. Wir folgen weiter der Emdener Vorhut; die sind da ja auch durch. Später erkennen wir ein schwimmendes Fünfsternehotel, welches das Sonnenlicht in unsere Richtung geworfen hatte.
Auf den letzten Meilen zeigt der Wind, dass er noch da ist und frischt beständig bis 18 kn aus Süd (halber Wind) auf. Nach unseren Erfahrungen von der Strecke nach Borgholm reffen wir diesmal direkt nach dem ersten Gedanken an das Reffen bei 15 kn beide Segel und laufen noch immer mit fast 6 kn Richtung Hafen (15:20 Uhr).
Erst direkt vor dem Einlaufen bemerken wir eine auslaufende Fähre. Deren schwedischen? Anmeldung über Funk hatten wir nicht wahrgenomen. Nach dem Ausweichmanöver ist der Weg frei – fertig zum Anlegen (16:55 Uhr). Wir werden bereits von dem Emdener Skipper erwartet und erhalten gleich nach dem Anlegen die neusten Wetterinformationen: Montag noch wenig Wind aus West, dann aber mindestens drei Tage zwischen 5 und 7 Bft aus nördlichen Richtungen. Also haben wir nur heute Zeit für Visby oder bis zum Wochenende einen Kurzurlaub für die ganze Insel…. Entschieden wird später. Der Hafenmeister ist nur telefonisch zu erreichen. Wir kündigen gleich an, dass wir eventuell am kommenden Morgen sehr früh starten und müssen nicht zahlen, wenn wir vor 07:30 Uhr ablegen. Dennoch dürfen wir Strom, Wasser und Waschräume nutzen. „Take it as a gift from Sweden“. – „Tack“.
Wir machen das Boot klar und erkunden dann den Rest des Abends das sommerliche Visby mit seiner alten Stadtmauer, zerfallenen Kirchen, verwinkelten Gassen und natürlich der lokalen Gastronomie.
Fiona: Am Marktplatz vor der grandiosen Ruine der St. Karin Kirche genießen wir in einem kleinen Restaurant die Sonne und das Ambiente. Wir sind froh, im fast touristenfreien Mai und nicht im Juli hier zu sein. Nach dem obligatorischen Wasserflascheneinkauf ziehen wir weiter auf Spurensuche und bewundern unter anderem von außen den Dom zu Visby (Sankt-Maria-Kirche).
Visby ist natürlich nicht Gotland, doch die Stadt hat uns in ihren Bann gezogen. Ein Hafentag wäre schön, doch gleich drei Tage hier festhängen – wir wollen doch segeln. Ich möchte weiter. Mit Törnführer sowie Seekarten von Gotland und dem gegenüberliegenden Festland „Ostkusten“ erarbeiten wir verschiedene Optionen. Ob wir mehr von Gotland erleben werden, entscheiden wir morgen um 05:oo Uhr mit den neuesten Wetterdaten.
Nach einer Dusche fallen wir todmüde ins Bett.
@ Juliana, leider hat das Geschäft mit den beiden Mäh-Mäh-Shirts schon geschlossen.



















































